Theo Deutinger  Künstlerischer Leiter Supergau Festival 

Theo Deutinger 

Künstlerischer Leiter Supergau Festival 

Theo Deutinger führt seit 2005 das Büro TD, das an Projekten in allen Maßstabsebenen arbeitet. Die Resultate seiner Arbeit werden regelmäßig in Zeitschriften publiziert. Sein im Jahr 2018 erschienenes „Handbook of Tyranny“ wurde vielfach ausgezeichnet. Deutinger kuratiert Ausstellungen und ist mit seinen Arbeiten selbst Teil internationaler Präsentationen.  Er unterrichtete unter anderem am Bauhaus in Dessau, an Harvard in Cambridge und am Strelka Institut in Moskau. Derzeit hat er Lehraufträge an der TU Wien (Österreich), der Design Academy Eindhoven (Niederlande) sowie eine Gastprofessur an der Uni Kassel – und seit fast zehn Jahren existiert das von ihm mitbegründete Land-Art-Festival „minus20degree“ in Flachau.   

#wirbrechenkeineregeln

Herr Deutinger, schon in Flachau waren sie Mitbegründer des Festival „minus20degree“. Worin liegt für Sie der Reiz von künstlerischen Intervention jenseits üblicher „Kunst“-Räume?

minus20degree  entstand 2021 aus der Neugier zu sehen, was passiert, wenn man die herkömmlichen Kunst-Räume erweitert. Was passiert wenn man die Winterlandschaft in Flachau mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert? Wen interessiert das? Und wie reagieren die Kunst und die Künstlerinnen auf die Landschaft?

Und was passierte? 

Es ist eine besondere Erfahrung den Künstlerinnen und Künstlern einen Landschaftsraum bieten zu können, den ich seit meiner Kindheit kenne, und der neu inszeniert wird, sodass ich ihn mit neuen Augen sehen kann. Dieses Spiel von Verfremdung, Entfremdung und Neuentdecken ist für mich sehr spannend.

Flachau ist geprägt vom Total-Tourismus. Bei „Supergau“ im Flachgau geht es in eine ruhigere, landwirtschaftliche Gegend. Wie unterschiedlich sind die Herausforderungen?

Es geht in beiden Fällen um die Realisierung von Kunst im landschaftlichen Außenraum. Dabei ist man vor Allem auf das Wohlwollen der Grundbesitzer angewiesen. Durchwegs haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Mit minus20degree ist es etwas einfacher weil die landwirtschaftlichen Flächen im Winter sowieso brach liegen. Erfahrungsgemäß ist der Tourismus für die Künstlerinnen un Künstler interessanter als die Kunst für die Touristen. Einem  Besucher von minus20degree kann es passieren, dass man einen holländischen Touristen für einen Performancekünstler hält. Diese Momente sind sehr schön, wenn sich zwei Realitäten verschränken. Vollvermummte Wintersportler mit ihren martialischen Gerätschaften machen es einem einfach. Wäre Skifahren kein Sport, so wäre es wahrscheinlich eine schöne Art-Performance.

Geht es denn auch darum, einem Raum der in Fragen der „Kunst“ etwa im Gegensatz zur Stadt als benachteiligt beschrieben wird, aufzuwerten?

Ich denke es geht vor allem darum, der Kunst neue Räume zu bieten. Ich bin fasziniert von der „Expanded Cinema“-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre wobei das Kino beziehungsweise das bewegte Bild die Leinwand verlassen hat und man versuchte den Bildrahmen unendlich groß zu dehnen. Beim „Expanded Cinema“ war man plötzlich im Film. Menschen und Dinge wurden zu Projektionsflächen und dabei wurde die Projektion selbst wieder zum künstlerischen Ausdruck.

Das Land hat im Gegensatz zur Stadt „innenräumlichen Nachteil“, es hat kein Museum für moderne Kunst. Aber es hat einen enormen „außenräumlichen Vorteil“ – die Landschaft. Uns geht es gerade um die Sichtbarmachung dieses Vorteils.

Machen Grenzen zwischen verschiedenen Gebieten nicht auch Sinn – also kunst-ketzerisch gefragt: Was bringt es wenn zeitgenössische Kunst in ein Naturschutzgebiet eindringt oder in landwirtschaftlich genutzter Gegend auftaucht?

Die Hauptfrage im Zeitalter des Anthropozän ist, ob man noch vom Gegensatz Natur-Kultur sprechen kann. Landwirtschaftsflächen sind eindeutig Kulturlandschaften. Naturschutzgebiete sind Bereiche, in denen menschliches Handeln eingeschränkt ist. Aber diese Einschränkung betrifft eben nur das direkte Handeln und nicht die langfristigen Folgen menschlichen Handelns – wie die atmosphärischen Veränderungen, die Veränderungen des Regenwassers und die Veränderungen der Flora und Fauna durch die Erderwärmung. Heute ist die gesamte Erde Kulturlandschaft. Und dann bleibt eben nur noch der Gegensatz zwischen gebauter Kulturlandschaft, mit der Stadt in seiner konzentrierten Form, und ungebauter Kulturlandschaft. Kunst im Naturschutzgebiet oder auf dem Acker besetzt oder bespielt diese ungebauten Kulturlandschaften. Kunst bringt innen oder außen gleich viel oder wenig. 

Erlebt Ihre Meinung nach Kunst auch eine Art von Befreiung, wenn sie ihre üblichen Plätze verlässt?

Ja, ich denke schon. Mehr Raum wirkt doch immer befreiend. Es kommt natürlich sehr auf die Kunstform an. Landschaft kann sehr herausfordernd sein. Eine Autobahn kann für manche Soundkünstlerinnen die Hölle sein, für andere ein Geschenk. Landschaft, vor allem im Gebirge, ist sehr stark; die Kunst hat viel visuelle und akustische Konkurrenz. Aber gerade das macht es spannend mit der Landschaft zu arbeiten oder eben gegen sie. 

Inwiefern können Projekte bei „Supergau“ über den Ort, an dem sie stattfinden, hinauswirken?

Ich denke viel funktioniert dabei über die Erinnerung. Wenn man die Orte sieht nachdem die Kunstwerke wieder abgebaut wurden, bleibt doch das Bild vom Kunstwerk zurück. Man trägt eine andere, eine neue Möglichkeit von Landschaft mit sich. Diese Projekte sind sehr langfristige Projekte – „anti pop-up“ würde ich sagen. 

Welchen Nachhall wünschen Sie sich von „Supergau“?

Einerseits wünsch ich mir, dass sich die Kunst, die größere Freiheit des Raumes umarmt, sich dadurch weiter entfalten kann und sich stets mehr aus der gebauten Kulturlandschaft heraustraut. Anderseits wünsche ich mir, dass Kunst auf eine positive Art selbstverständlicher wird. Zur Zeit wird ja mit großem Eifer gesportelt. Die Landschaft wird als Bike-, Walk- und Tourengebiet wiederentdeckt. Es wäre doch was, wenn es eine ähnliche Bewegung in künstlerischer Richtung geben würde, wenn Menschen nicht nur mit Nordic-Walking-Stecken, sondern auch mit Video- und Fotokamera, mit Malerstaffeleien und Zeichenblock losziehen würden. Also wenn ich mir schon was wünschen kann, dann wär es das.

Bei Abdruck ist der Autor des Textes zu nennen: 

Bernhard Flieher ist Kultur-Redakteur bei den Salzburger Nachrichten

Mehr Informationen zum Supergau für zeitgenössische Kunst

www.supergau.org