Salzburger Land

Sound of Kaffberg: Der freche Bursche aus den Bergen

Marcus Hinterberger mit roter Mütze und Ziehharmonika

Heinz Bayer ist seit 1979 als Journalist tätig. Viele Jahre bei den Salzburger Nachrichten, zuletzt als Chefredakteur des zum Medienkonzern der SN gehörenden Salzburger Verlagshauses. Er ist seit 2024 im Ruhestand und arbeitet als freier Journalist. Heinz Bayer lebt in Saalfelden. Seine Passion ist, neben dem Schreiben, die Fotografie.

 

SAALBACH-HINTERGLEMM. Es war ein Ritual. Nachmittags, bei schönem Wetter, saß Marcus Hinterberger (25) am Balkon der Hinterhag-Alm – einer urigen Skihütte in Saalbach. Sie gehört seiner Oma. Er spielte auf der Ziehharmonika. Zum einen Volksmusik. Zum anderen Eigenkompositionen. Die Gäste auf der Terrasse freuten sich.

Die Skifahrer, die vorbeikamen auch. Das Ganze war fast ein bisserl kitschig.

Manche irrten sich aber. Grundlegend. Zum Beispiel ein Team des kanadischen Fernsehens. Die Kanadier waren vor Ort, um von der Ski-WM zu berichten. Genau darüber sang Marcus Hinterberger ja auch. Im Pinzgauer Dialekt. Nur eben auf seine Weise.

„Olle san scho blem blem blem - weil wir homb die Ski-WM ..." - es waren satirisch-kritische Anmerkungen, über das, was da im Tal gerade geschah. Und geschieht.

Screenshot der Youtube-Seite von Marcus Hinterberger

(c) YouTube/Marcus Hinterberger, Screenshot

https://www.youtube.com/watch?time_continue=14&v=8DcQbxuxJ7I

Den Gästen aus Kanada erschloss sich das sprachlich nicht. Sie verewigten die Szene, fanden den Schnee, die Berge, den sympathischen jungen Kerl und sein Lied im winterlichen Sonnenschein einfach nur wunderbar.

Den Journalisten eines anderen Senders, RAI-Südtirol, war klar, worum es ging. Um einen Tourismus ohne Grenzen. Um ein „Immer mehr.” Wie es auch in Südtirol gang und gäbe ist. Hinterberger, selbst im Tourismus tätig, sagt: „Gerade deshalb lasse ich mir Kritik über dieses Thema nicht verbieten.”

Mit seinem “Ischgl Blues” prangerte Marcus Hinterberger im Corona-Herbst 2020 massiv die Tourismus-Industrie an. Ergebnis: Er landete damit einen Hit im Netz,  wurde über Nacht zum Publikumsliebling und brillierte beim FM4-Protestsongcontest.

Auf seiner Homepage ist zu lesen: „Mit dem ,Bürgermeister Blues’ widmete er sich der heimischen Flächen-Korruption.”

2022 wurde Hinterberger für sein künstlerisches Schaffen mit  dem Hubert-von-Goisern-Preis ausgezeichnet.

Auch als Filmemacher zeigte er satirisches Talent. Mit dem Kurzfilm „Kaffkadscha” erzählte  Hinterberger über „eine alpine Zukunftsperspektive: Eingerostete Skilifte und verlassene Hotels. Der Klimawandel hat zum Aussterben der österreichischen Skigebiete geführt. Doch plötzlich sorgt ein kleines Dorf, Kaffberg im Seiltal, für großes Aufsehen im ganzen Land. Denn wie durch ein Wunder werden dort wieder die Pisten beschneit – und niemand weiß wie. Während eine junge Journalistin versucht, die Wahrheit hinter dem ,Wunder’ herauszufinden, präsentiert  Bürgermeister Aloys Hörl in seinem Größenwahn bei einer Kundgebung bereits die nächste Innovation Kaffbergs: Die DX-3000, die größte Schneekanone der Welt, welche künftig nicht nur die Pisten, sondern gleich den ganzen Ort mit Schnee bedecken soll.”

Es ist der Themenkreis, den ihn nach wie vor antreibt. Ein überbordender Tourismus, Bodenverbrauch, Klimawandel und vor allem, und nicht zuletzt: (Fehlende) Lebensperspektiven für die nächsten Generationen.

„Ich vermisse den Blick der Verantwortlichen in die Zukunft. Denn, Stichwort Klimawandel: Wie geht es mit dem Skigebiet weiter? Wie lässt sich die Region breiter aufstellen? Wo liegt das Potenzial der nächsten Jahrzehnte? Wie wird mit der Natur, der Stille, der Ruhe der Berglandschaft umgegangen? Im Grunde wird trotz allem Gerede von ,Green Events' wie im Wahn immer weiter und immer weiter gebaut."

Freunde schafft man sich mit solchen Aussagen als junger Bewohner einer touristischen Region sicher nicht. Oder? „Es ist Satire. Wer es nicht versteht, oder nicht verstehen will – dem kann ich nicht helfen.”

Marcus Hinterberger ist und bleibt auch in Theaterbereichen tätig. Er führte im Landestheater Oberpfalz im Klassiker von Felix Mitterer „Kein Platz für Idioten” Regie. Ebenso im vergangenen Herbst in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf.” Am 30. Mai wird im Landestheater Oberpfalz das Musiktheater „Die letzte Schicht” Premiere feiern.

Hinterberger arbeitet gemeinsam mit Christian A. Schnell als Regisseur. Inhalt: Die Maxhütte, benannt nach dem bayerischen König Maximilian II. Joseph, beschäftigte in ihrer Blütezeit über 9.000 Menschen und prägte die gesamte Region. Der Konzern hatte mehrere Zweigwerke. Nach zwei Konkursen wurde die Stahlerzeugung 2002 endgültig eingestellt. Die Konkurse der Maxhütte, verbunden mit dem Verlust tausender Arbeitsplätze, wirkt strukturpolitisch fatal bis heute nach.

 

Sehr konkret sind auch Pläne für ein neues Musikalbum. Das soll im Herbst erscheinen. Inhalt: Lieder, die er und seine Band bei ihrer Tour sangen.
Jene, mit denen er bekannt wurde, aber auch andere, neue. Solche, die sich mit Liebe und Einsamkeit beschäftigen. Mit dem Gefühl der Verlassenheit. Tausende Freunde auf Facebook und Instagram – und trotzdem allein. Mit Erfolgsdruck und dem gnadenlos mahlenden Mühlwerk der sozialen Netzwerke. Mit den Problemen der jungen Generation . . .

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