Edwin Stolk: Wie das Wasser fließt

Im Juni schrieb ich eine Postkarte an alle Lungauer Bürgermeister*innen, um mich mit Ihnen über die Zukunft ihrer Gemeinde auszutauschen. Bürgermeister Manfred Sampl aus Sankt Michael im Lungau hat sofort begeistert geantwortet. Die Zeitung berichtet über seinen Versuch, den Ausverkauf an ausländische Investoren zu erschweren und die Abwanderung junger Menschen aus dieser ländlichen Region zu stoppen. Wir vereinbarten ein Treffen im Rathaus.

 

© Edwin Stolk

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Während die meisten jungen Leute zum Studieren in die Stadt abwandern, frage ich mich, wie man diese Abwanderung wieder umkehren kann. Immerhin sind in Sankt Michael alle Voraussetzungen für ein gutes Lernumfeld vorhanden. Saubere Luft, Platz und Ruhe, außerdem ist eine neue Sportanlagen im Bau. Theresa Santner wohnt in der Marktgemeinde und hat uns auf eine Tour mitgenommen. Man stelle sich vor, dass das Studieren auf dem Land dem Studium in der Stadt den Rang abläuft – so könnte vielleicht auch das Nachtleben hier wiederbelebt werden.

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In meiner Kindheit haben wir ein paar Mal Urlaub in Österreich gemacht. Im Sommer spielten wir mit den Steinen an einem Wasserfall. Je nach Position, Größe und Form dieser Steine veränderte sich die Strömung des Wasser. Das Wasser selbst war natürlich unaufhaltsam. Im Lungau habe ich mir angesehen, wie wir die Umwelt gestalten und wie sich das auf unsere Bewegungen auswirkt.

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Christina Zitz arbeitet für Akzente, eine Organisation, die sich für Jugendliche einsetzt. Sie gab mir das Ultimo Magazin zu lesen mit einem Special zum Thema „Jugend zwischen den Krisen“. Darin findet sich ein wichtiger Artikel über den öffentlichen Raum als demokratischen Raum. In diesem Umfeld präsentieren wir uns den anderen. Dies ist der Ort, an dem wir tatsächlich zeigen, wer wir sind. In dem Artikel wird erwähnt, dass Jugendliche nicht so viel zu sagen haben über diese gemeinsame Umgebung. Der Sozialgeograf Andreas Koch schließt diesen Artikel mit den Worten: „Öffentliche Räume sind nicht neutral in Bezug auf ihre Nutzungsmöglichkeiten. Sie bieten – wie Bühnen – einen kontingenten, aber nicht völlig willkürlichen Rahmen. Das bedeutet zum einen, dass sie offen sein müssen für Gestaltung und Veränderung. Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, dass nicht der Raum selbst, sondern die Akteur*innen, die ihm Bedeutung zuweisen, für ein kreatives Konfliktmanagement – und das auf Augenhöhe – verantwortlich sind.

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Was ist unsere Rolle bei der Gestaltung dieses Raumes? Können wir gemeinsam etwas (vorübergehend) verändern und sehen, wie sich das auf unsere „Bewegungen“ auswirkt, die aktive Imagination und Gestaltung unseres Lebensräume so wie bei den Steinen und dem fließenden Wasser.

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Mir fällt auf, dass junge Menschen durchaus nach ihrer Meinung gefragt werden, zum Beispiel bei einem Jugendparlament oder einer Sommerschule. Die dokumentierten Ergebnisse kann ich nur nirgends finden.

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In „Zwischen Wildnis und Freizeitpark“, einem Pamphlet von Werner Bätzing, wird dargelegt, wie der Neoliberalismus nach 1989 die Bewegung der Menschen im Berggebiet beeinflusst. 8 Schrumpfungsregionen sind entstanden und „verwildern“ in mehrfacher Hinsicht. Ausländische Investoren sehen Ferienregionen als Ertragskonzepte. Wo Hotels gebaut werden, können junge Menschen aus der Region nicht wohnen. Metropolregionen hingegen werden sich immer ähnlicher und verlieren ihre Identität.

Im Lungau ist man nie allein, schrieb mir Magdelana Egger. Die Luft ist sauber und die Nächte sind im Sommer herrlich kühl. Das Leben hier ist mit der Natur verbunden, schrieb Anna Aigner. Das Vereinsleben wird hochgehalten im Lungau, viele Freunde und Bekannte sind ebenfalls im Verein und unterstützen sich gegenseitig.

In den Studien „Heidi wohnt nicht mehr hier“ein Projekt von StadtLandBerg und „Land ohne Tochter“ von Isabel Stumfol wird beschrieben, dass diese engmaschigen Gemeinschaften auch Schattenseiten haben. Mit der hohe sozialen Kontrolle kommen nicht alle zurecht. An anderer Stelle ist zu lesen, dass Bleiben bedeute sich anzupassen und Traditionen und Ritualen zu folgen – „dem Lauf des Flusses“.

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Mit Christina Zitz von Akzente habe ich über die relativ hohe Zahl der Menschen gesprochen, die Suizid begehen. Wir waren uns einig, dass es ein schwieriges Thema ist, das mit einem Tabu belegt ist. Wie findet man die richtige Hilfe wenn es schwierig wird? In einem Zeitungsartikel war zu lesen, dass wenn jemand Selbstmord begeht, andere dem Beispiel nachfolgen. „In den Regionen nehmen die Menschen nicht so schnell Hilfe an. Die Menschen schämen sich, wenn sie psychische Probleme haben oder depressiv sind.“ In einem anderen Artikel wird die Notrufnummer 147 erwähnt, an die man sich wenden kann, um Hilfe zu erhalten.

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Der Bürgermeister von Zederhaus, Thomas Kößler, erzählte mir von dem reichen Vereinsleben in seiner Naturpark-Gemeinde. Christina Zitz betonte, dass ihre Forschungsergebnisse den Bedarf von Heranwachsenden an Räumen außerhalb bestehender Strukturen zeigten. Wenn die Eltern auf Facebook sind, wählt man lieber eine andere Plattform, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben.

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Mit Natalia Oberhummer habe ich über die besondere Arbeit des Netzwerks „Lungauer Frauen“ gesprochen, einer unabhängigen Plattform für die Interessen von Frauen. Die bereits erwähnten Studien schreiben beide, dass die Landflucht weiblich ist. Wir sprachen über die patriarchalische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen, die Bedeutung der Chancengleichheit und den Mangel an geeigneten Arbeitsplätzen für hochqualifizierte Frauen. Wir diskutierten auch über die Tatsache, dass es im Lungau derzeit 14 männliche Bürgermeister und nur eine Bürgermeisterin gibt – Waltraud Grall, die ich später in der Woche getroffen habe.

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In den Nachrichten verfolgte ich einen Beitrag über die starke Regenfälle und Überschwemmungen im Juni. Der Klimawandel betrifft uns alle und der Sommer war in ganz Europa heiß. In den Niederlanden erreichten die Flüsse (die in den Alpen entspringen) ihren niedrigsten Wasserstand. Das Klima verändert sich über nationale Grenzen – die Flüsse verbinden uns.

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In Mauterndorf bemängeln junge Leute die lange Reisezeit zwischen ihrer Heimatregion und Studierendenstädten wie Linz oder Graz. Während man mit dem Auto in eineinhalb Stunden nach Salzburg fährt, braucht man von Tamsweg sechs Stunden und 50 Minuten mit dem Zug. Die geplante Tauernbahn wurde nie gebaut. Die Schmalspurbahn hält beim Club 760 „Verein der Freunde der Murtalbahn in Mauterndorf“. Iris Burtscher schreibt in den Salzburger Nachrichten provokant: „Führt uns die Murtalbahn nach Salzburg?“

Über dieses Thema sprach ich mit dem Mauterndorfer Bürgermeister Herbert EßI:

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Die gute Nachricht ist, dass es seit Kurzem ein Nachtbus für junge Leute „Nightline Lungau“ gibt.

Zwischen unseren Terminen, hatten wir auf der Straße eine lebhafte Begegnung mit Ursula Mayr vom Hotel Post. Wir zeigten ihr die ersten Ideenskizzen und vereinbarten, in Kontakt zu bleiben.

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Bäcker Werner Löcker in Zederhaus erzählte uns leidenschaftlich vom Arbeiten und Leben im Lungau „Es ist schwer mit nur ein paar Kühen zu leben“, versicherte er uns. Bevor wir die  Bäckerei verließen, vertraute er uns noch einen Spruch an: „Wir beten, dass der Herr uns unser tägliches Brot gibt und uns vor Schwarz und Rot beschützt!“ Dann treten wir hinaus mit Brot und leckeren Keksen.

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Der niederländische Architekt Floris van Alkemade schrieb: „Der stärkste Motor für Veränderungen ist das Wecken des Wunsches nach Veränderung. Die Vorstellungskraft ist dabei entscheidend. Nicht die Welt bestimmt, wer wir sind, sondern umgekehrt, mit unseren Geschichten gestalten wir die Welt.“ Dieser Text inspiriert mich.

Das Supergau Festival ist für mich eine Gelegenheit, diese Geschichten zu teilen, indem ich „die Steine“ bewege, so dass wir uns vorstellen können, was passieren könnte, wenn wir ‚den Weg des Wassers‘ verändern.
Die Abwanderung junger Menschen an die Universitäten, der Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln, die Gleichberechtigung der Frauen oder das Schaffen informeller Treffpunkte für junge Leute.

Dieser Text soll eine offene Einladung sein, mit Ihnen in Kontakt zu treten und gemeinsam an diesen Zielen zu arbeiten.

Mit freundlichen Grüßen,

Edwin

 

Kontakt: info[at]edwinstolk.nl

Fotografien: © Hristina Tasheva

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